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Die geistliche Kraft
klassischer Musik

aus: „Come“ März 2005


von Beat Link


Das Thema klassische Musik kommt beim Thema Anbetung selten vor. Dabei kann Klassik auch Anbetungsmusik sein. Bach und andere namhafte Komponisten haben viele ihrer Werke aus einer tiefen geistlichen Motivation heraus komponiert. Leider ist das vielen Christen heute nicht mehr bewusst.
In einem von Pop und Rock dominierten Titelthema wollten wir deshalb auch der Klassik einen Platz einräumen.
Beat Rink vom Musiknetzwerk Crescendo schreibt hier über die geistliche Kraft klassischer Musik.



Ist es nicht großartig? Zur Zeit der hohen kirchlichen Feste füllen sich die Konzertsäle und Kirchen mit einem ku1turbewussten Publikum, das voller Begeisterung der Matthäus- oder der Johannespassion, dem Weihnachtsoratorium oder einer Mozart-Messe lauscht.

Prof. Masaaki Suzuki, der Leiter des weltberühmten Bach Collegium Japan, ein tief glaubiger Christ, berichtete kürzlich von japanischen Zuhörern, die vor dem Konzert die Texte aus dem Internet herunterladen und nachher das Gespräch mit ihm suchen, um den Gehalt einer Stelle besser zu verstehen.
— Ein niederländischer Musiker erzählt von seiner Bekehrung: „lch ging in ein Orgelkonzert und erkannte auf einmal Gottes Größe. Das Konzert war der Wendepunkt in meinem Leben. Ich ging als Suchender hinein und kam als Christ heraus.“ — Wer einmal das Programmheft in Händen hatte, das jenen chinesischen Konzertbesuchern verteilt wurde, die in der Verbotenen Stadt Händels Messias hörten — in der einen Spalte den englischen, in der anderen den chinesischen Text mit all den wunderbaren Bibelzitaten—, und wer dazu dem Bericht des mutigen chinesischen Dirigenten lauscht, der dieses Stück schon mehrere Male öffentlich aufgeführt hat, der wird kaum mehr daran zweifeln: im Erbe geistlicher klassischer Musik liegt ein gewaltiges Verkündigungspotenzial! Und Gleiches lässt sich ohne Abstriche im Blick auf andere Kunstsparten sagen.

Tatsache ist allerdings, dass vor allem für Gemeinden freikirchlichen Zuschnitts die Welt der Kunst und Klassik recht weit weg ist. Dies hat verschiedene Gründe, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Der komisch-tragischen Anekdoten, die in den Reihen klassischer christlicher Musiker kursieren, sind viele. Da kommt nach einem Klassik-Beitrag am Sonntagmorgen ein lieber Mitchrist auf den Musiker zu und fragt: „Und was machst du beruflich, ich meine: im richtigen Leben?“

Aber bleiben wir nicht bei diesen Erfahrungen man könnte sie auch um einige Erlebnisse rund um das Thema finanzielle Entschädigung erweitern ...), sondern fragen wir lieber nach den Wegen aus der Entfremdung im Sinn eines Zukunftsprojekts Kirche-Kunst-Klassik.
Dazu drei Schritte.


Erster Schritt: Den Wert von Kunst und Klassik erkennen

Wir haben einleitend bereits einige Beobachtungen genannt. Nun müsste man fragen: Warum hat die klassische Musik (um wieder hauptsächlich von ihr zu reden) ihren kulturellen Stellenwert nicht schon längst eingebüßt? Warum ist sie in, sogar bei jungen Menschen? Warum ist selbst geistliche Musik so gefragt? Warum suchen gewisse Kreise in Konzertsälen ein religiöses Erlebnis statt in einem Gottesdienst? Und, noch brisanter: Warum spielt der Leiter einer charismatischen Gemeinde, der in seinem Gottesdienst keine Klassik möchte, zu Hause Geige und hört Bach?

Könnte es sein, dass die klassische Musik kraft ihrer Differenziertheit und Vielschichtigkeit an seelische Schichten rührt, wie sie etwa durch die moderne Worship-Musik (die wir hoffentlich sehr schätzen!) so nicht angesprochen werden? Könnte es sein, dass den Hörern zwar einige Geduld und Konzentration abverlangt werden, dass sie dafür aber in einen Erlebnisraum hineingenommen werden, wo das Bibelwort auf neue Weise aufleuchten kann, und wo (auch in nicht­geistlicher Musik) Zerbruch und Schönheit, Schmerz und Trost, Klage und Freude ihren unvergleichlichen Ausdruck finden?

Und könnte es schließlich sein, dass in der Klassik etwas verborgen liegt, das Gott genuin der abendländischen Kultur geschenkthat? Etwas, das wieder erwachen und geistlich fruchtbar werden möchte? Es zeugt von Bescheidenheit, wenn ein so begabter Lobpreis-Leiter wie Lothar Kosse meint, die Zukunft des musikalischen Gotteslobs gehöre zunehmend der Klassik. Wie dies geschehen kann, wird sich noch zeigen müssen.


Ein zweiter Schritt könnte aus der gemeindlichen Monokultur herausführen.

Jede Monokultur ist schlecht, auch die rein klassische! Wenn übrigens die Landeskirchen, in denen eher die geistliche Klassik beheimatet ist, recht große Schritte auf den modernen Worship zumachen, dann dürften sich umgekehrt freikirchliche Gemeinden wieder geistlicher Klassik annähern! Warum nicht einmal an einem Gemeindeabend über Kunst und Kultur sprechen, natürlich mit Hör- und Abschauungsbeispielen? Warum nicht einmal in einer Anbetungszeit ein klassisches Stück hören, live oder ab Band?

Es gibt übrigens auch in der moderneren Klassik großartige Anbetungsmusik: bei Arthur Honegger, bei Igor Strawinsky, bei Arvo Pärt oder bei Olivier Messiaen (der bewusst missionarisch gewirkt hat, indem er geistliche Themen in den Konzertsaal brachte). Und warum nicht einen professionellen klassischen Musiker oder eine ganze Künstler-Gruppe damit beauftragen, die gesprochene Predigt immer wieder durch vielfältige künstlerische Beiträge zu ergänzen? Wohiverstanden: nicht bloß zu garnieren, sondern zu ergänzen!

Also: Wagen wir mutig die stilistische Vielfalt, auch auf die Gefahr hin, dass manche eingeschliffenen Seh- und Hörgewohnheiten strapaziert werden.


Dritter Schritt: Vorstöße in die Kulturlandschaft wagen!

Ist die Gemeinde ein Stück weit für die klassische Musik und die Kunst gewonnen, so können nun Schritte gemacht werden, um die Kultur mitsamt ihrer klassischen Musik für Christus zugewinnen! Oder, um es bescheidener zu formulieren: um Vorstöße in dieses Neuland zu wagen und kulturinteressierte Menschen anzusprechen.

Wie das geht? Ich möchte einige Initiativen nennen: Seit Jahren führen wir in mittlerweile zehn Städten übergemeindliche, evangelistisch ausgerichtete Kirche kreativ­Gottesdienste durch, in denen christliche professionelle Künstler verschiedenster Sparten auftreten. Viele Kulturmenschen schätzen diesen Mix aus Jazz und Gospels, aus Lobpreis und Klassik, aus Pantomime und Mini-Dichterlesung, aus Modern Dance und Bildbetrachtung. Neben der Predigt und einem musikalischen Segnungsteil übernimmt also die Kunst einen wichtigen Verkündigungsteil. Darin können auch ganz überraschende Momente zur Geltung kommen, die wir Play and Pray nennen.

In der Bewegung Klassischer Musiker erproben wir seit Jahren das improvisierende Beten auf den Instrumenten und wir staunen oft, wie Menschen beim Hören improvisierter lnstrumentalmusik tief berührt und von Gott angesprochen werden. Vielleicht wäre der Aufbau eines regelmäßigen Kirche kreativ-Gottesdienstes so ein Vorstoß. Oder die Eröffnung eines christlichen Galerieraums mit Auftrittsmöglichkeiten für Künstler verschiedener Sparten. Oder ... Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Solche Initiativen werden aber erst dort entstehen, wo Künstler ernst genommen, wo sie in ihrer Berufung begleitet und vielleicht sogar finanziell unterstützt werden. Wo sie auch ennutigt werden, sich in lokalen Gebetskreisen, in Theatern, Musikhochschulen oder Kunstgewerbeschulen zusammenzuschließen. Das Gebet ist ohnehin ein erster Schritt zum Vorstoß in die Kulturwelt. Vom 5.-7.März 2005 finden weltweite Künstler-Gebetstage statt, an denen sich auch Gemeinden beteiligen können.

Einer der berühmtesten Dirigenten unserer Gegenwart, Nicolaus Harnoncourt, sagte: „Kunst ist immer untrennbar mit Religion verbunden; ohne Religion kann es keine Kunst geben, da bin ich mir ganz sicher.“ Harnoncourt ist meines Wissens kein bekennender Christ, doch sein Statement wiegt deshalb nicht weniger überzeugend — im Gegenteil.
Als Christen ersetzen wir das Wort Religion lieber durch Gott.
Dann bekommt es jenen Klang, der uns motivieren soll, das Zukunftsprojekt Kirche—Kunst —Klassik anzupacken, um mitten in der Kulturwelt Salz und Licht zu sein.

Wiedergabe erfolgt mit freundlicher
Genehmigung durch den Herausgeber
Come, März 2005, Nr. 1/05




Doch du bist heilig, der du wohnst unter
den Lobgesängen Israels.

(Psalm 22,4)